Musikschule
Hilden auf Tour
In diesem Herbst war das Sinfonieorchester der Musikschule
Hilden zum neunten Mal für eine Woche in England, um die Freunde
aus Warrington wiederzusehen und gemeinsam mit ihnen zu musizieren.
Unser erstes Ziel hieß “Castlehead” im Nordenglischen
Lake-District, wo uns das Warrington District & Youth Orchestra bereits
zu einem gemeinsamen dreitätigen Workshop erwartete. Nach fast 18
Stunden Busfahrt hatten wir endlich unser „Traumschloss“ gefunden:
Ein imposantes Landhaus in weniger imposantem Zustand. Wer insgeheim
gehofft hatte, auf den Spuren Rosamunde Pilchers wandeln zu können,
wurde recht unsanft aus diesem Traum geweckt. Statt eines im gelblichen
Herbstlicht erstrahlenden herrschaftlichen Kastells erwartete uns ein – gelinde
formuliert – leicht verwelktes Gemäuer im Nieselregen. Die
meisten Räume dieser maroden Unterkunft waren leider nicht mit Heizkörpern
ausgestattet und der Aufenthaltsraum glich eher einer Abstellkammer.
Das Dach war zwar nicht regendicht, aber wenigstens waren genügend
Eimer vorhanden, um der fröstelnden Feuchtigkeit nach durchsickern
der notdürftigen Hausabdeckung im Inneren des Gemäuers Unterschlupf
zu gewähren. Anders als in Deutschland ist „Regen“ in
England ein akzeptierter stiller Begleiter und wird entsprechend gastfreundlich
aufgenommen.
All diesen Kleinigkeiten zum Trotz machte sich aber sehr
bald eine gutes Gemeinschaftsgefühl, gepaart mit einer gehörigen
Portion Spaß,
bemerkbar. Die insgesamt rund 90 englischen und deutschen Musikerinnen
und Musiker studierten unter der Leitung von Antony Ridley und Matthias
Kaufmann große und beeindruckende Werke ein, die allerdings noch
keiner der Instrumentalisten vorher gesehen hatte. Das heißt: Der
verwirrend mosaikartige akustische Eindruck des ersten gemeinsamen Vom-Blatt-Lesens
musste innerhalb der zur Verfügung stehenden drei Tage bis zur Konzertreife
zusammengeschraubt werden. Auf dem Programm standen die Filmmusik zu “Titanic”,
der “Mars” aus den „Planeten“ von Gustav Holst
und der “Säbeltanz” von Katchaturian.
Neben den Proben
blieb genügend Zeit, um sich an den zahlreichen Aktivitäten
im umliegenden Naturschutzgebiet zu beteiligen. Mit Helmen und Regenzeug
ausgerüstet beteiligten sich die Einen am “Kanufahren”,
während andere über die schroffen Felsen der „Morcomb
Bay“ kletterten. Wieder andere stiegen auf die Berge (und versuchten,
nicht herunterzufallen) oder bauten ein Floß, um anschließend
dessen Schwimm- und Tragfähigkeit zu testen. Einige dieser Unternehmungen
waren ähnlich abenteuerlich wie die Orchesterproben...
Eine ganz besondere Herausforderung aber erwartete uns
und die Warringtoner Musiker abends nach der letzten Orchesterprobe.
Unter der Leitung des Musikschullehrers und Dirigenten Matthias Kaufmann
tauschten sämtliche
Orchestermitglieder untereinander ihre Intrumente. Streicher wurden zu
Bläsern und umgekehrt. Jeder bemühte sich, seinem neuen Instrument
Töne zu entlocken. Nach 20 Minuten gegenseitigen Unterrichtens war
dann Uraufführung:
„Superkalifragelistischexpealegorisch“ (aus dem Disney-Film „Mary
Poppins“) erklang erstmalig in dieser neuen Besetzung. Und zur Überraschung
aller waren die Töne größtenteils gut zu erkennen. Sicherlich
hat auf diese Art so mancher sein neues Trauminstrument entdeckt – auf
jeden Fall aber sind wir uns alle dabei ein Stück nähergekommen.
Am Dienstag Nachmittag ging es dann für beide Orchester
mit dem Bus nach Warrington. Dort wurden wir Hildener auf die Familien
des Warrington-Youth-Orchestras verteilt.
So konnten wir uns nach den ersten Tagen in Castlehead endlich in trockenen,
warmen Räumen aufhalten und das Rahmenprogramm in Warrington genießen.
Es begann mit einem sehr anstrengenden Probentag in der Parr-Hall (Stadthalle)
von Warrington; morgens um 9.00 Uhr begann unsere Probe für das
abendliche Gemeinschaftskonzert. Nachmittags schloss sich die Probe der
während des Workshops einstudierten Musikstücke an, und abends
fand dann um 19.30 Uhr das große Konzert statt.
Unterbrochen wurde
das Musizieren an diesem Tag nur vom Bürgermeisterempfang im Rathaus
von Warrington. Pauline, die stellvertretende Bürgermeisterin lud
alle nach ein paar herzlichen Begrüßungsworten zu sehr leckeren
Schnittchen und Getränken ein. Nachdem in einer kurzen Führung
das Zepter und das Schwert als Amtsymbole eindrucksvoll erklärt
worden waren schloss dieser Empfang mit einem Foto auf der Eingangstreppe
und einer Sitzprobe Im Dienstwagen des Bürgermeisters, einem Jaguar
mit dem Nummernschild „EDI“. Gerüchte, hinter diesem
Namen verberge sich das aufgeweckte, allseits beliebte Mitglied der Mainzelmännchen,
erwiesen sich als nicht haltbar.
Das abendliche Konzert war in allen Punkten ein großer Erfolg – sowohl
für unser Orchester als auch für die Warringtoner und vor allem
für alle mit den gemeinsam vorgetragenen Musikstücken, wie „Säbeltanz“; „Mars“ aus „Die
Planeten“ und einem Medley aus der Filmmusik zu „Titanic“.
Es gab stehende Ovationen und der anwesende Bürgermeister zeigte
sich stark beeindruckt, vor allem von der Spritzigkeit der „Ungarischen
Tänze“ von Brahms, die wir überzeugend vortragen konnten.
Am Donnerstag, dem nächsten Tag, stand eine Fahrt nach Chester
mit Besichtung und Führung auf dem Programm. Chester ist eine alte
Römerstadt und mit ihren historischen Häusern wie auch der
großen Kathedrale immer einen Besuch wert. Was liegt bei einer
alten Römerstadt näher, als eine Führung zu den römischen
Ausgrabungsstätten mit einem „Römischen Soldaten“ zu
erleben. Wir staunten nicht schlecht, als ihr Fremdenführer mit
Speer und Schild wie auch in Rüstung – und bei dem kalten
Wetter – mit nackten Beinen und in Sandalen erschien. Vom Wetter überhaupt
nicht beeindruckt führte dieser offensichtlich sehr warmblütige
Soldat unsere Gruppe mit sehr interessanten Erklärungen und Geschichten über
eine Stunde lang durch Chester. Anschließend hatte jeder Gelegenheit,
sich mit einem Einkaufsbummel oder weiterer Besichtigungen die Zeit zu
vertreiben. Für abends hatte das Warrington-Youth-Orchestra 12 Bowlingbahnen
gemietet, wo alle beim gemeinsamen Bowlen und „bilateralen“ Gesprächen
viel Spaß hatten.
Das zunächst für Freitag geplante 2. Konzert musste leider
wegen des sehr windigen, kalten und nassen Wetters abgesagt werden. Es
sollte im alten Fischmarkt, einem überdachten Platz in der Fußgängerzone
stattfinden. Alle genossen so die gewonnene Freizeit und trafen sich
mittags zum letzten Ausflug. Er führte die Gruppe in die Nähe
von Knutsford in den Tatton-Park mit dem dazu gehörigen Herrschaftshaus,
besser gesagt: Landsitz in der Größe eines kleinen Schlosses.
Beeindruckt von den Errungenschaften der Industrialisierung kehrte man
zurück und ließ diesen schönen Tag mit einer Abschiedsparty
ausklingen, die von den Warringtonern liebevoll bis ins letzte Detail
vorbereitet worden war. Bei dieser Gelegenheit wurde Karl Hentschel als
Orchesterleiter ein Ständchen für seine genau 20-jährige
Leitung des Orchesters dargebracht. Er hatte das Orchester in einer Notlage
angesichts der damals (1982) geplanten Warringtonfahrt übernommen.
Am Samstag hieß es dann Abschied nehmen. Um 7.15 Uhr traf man
sich ziemlich müde mit seinem Gepäck und den Instrumenten am
Bus und ließ sich auch von dem unerbittlichen englischen Regen
nicht davon abhalten, sich bis 8.00 Uhr zu verabschieden. Die Bustüren
mussten schließlich mit „Gewalt“ geschlossen werden,
um die Heimreise anzutreten und den gebuchten Tunnelzug nicht zu verpassen.
Nach vereinzelten Schlafversuchen, ausgestattet mit bester Wegzehrung
und einigen Videofilmen kamen wir müde aber glücklich und zufrieden
kurz nach Mitternacht in Hilden an. Der nächste Gegenbesuch soll
so schnell wie möglich stattfinden!
Gabriele Janich/Karl Hentschel
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